„Frau und Sport“ im Mittelpunkt: Rund 250 Teilnehmer*innen beim 7. „Forum Sport & Medizin“ an der Universität Wien
Ein rappelvoll besetzter Hörsaal, interessante Diskussionen und ein Thema, das zunehmend mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung im Sport und in der Forschung erfährt: Mit rund 250 Teilnehmer*innen stieß das 7. „Forum Sport & Medizin“, Motto „Frau und Sport“, der Abteilung Sportmedizin und des Österreichischen Instituts für Sportmedizin (ÖISM) am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien auf überwältigendes Interesse. Es wurde deutlich, wie groß der Wunsch nach fundiertem Wissen und Austausch im Frauensport ist.
Warum frauenspezifische Sportmedizin unverzichtbar ist
Um zu informieren, zu inspirieren und eine bessere Unterstützung für Sportlerinnen zu ermöglichen, präsentierten die beiden Mediziner Assoc.-Prof. Johannes Ott und PD Jan Niederdöckl (beide MedUni Wien) beim „Forum Sport & Medizin“ neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu Zyklus, Hormonhaushalt, zyklusbasiertem Training, Schwangerschaft und Sport.
Die ehemalige Fußballspielerin Steffi Enzinger, Nationalspielerin 2015-2022, EM-Teilnehmerin 2017 und 2022, sowie die Nationalteam-Ruderin Lara Tiefenthaler, Olympiateilnehmerin 2024 und Europameisterin im Leichtgewichts-Einer 2025, berichteten im Gespräch mit Univ.-Prof Jürgen Scharhag über ihre Erfahrungen im Frauen-Hochleistungssport. Abschließend wurden in einer regen Podiumsdiskussion mit beiden Sportlerinnen, beiden Experten und dem interessierten Publikum viele wichtige und spannende Aspekte des Frauensports diskutiert.
Wie Hormone Training, Leistung und Regeneration beeinflussen
Den Auftakt machte Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Johannes Ott (MedUni Wien) mit einem Vortrag zum Zusammenspiel von Hormonhaushalt, Menstruationszyklus und sportlicher Leistungsfähigkeit. Dabei wurde klar: Der weibliche Körper folgt eigenen biologischen Rhythmen, die Training, Regeneration und Leistung maßgeblich beeinflussen. Zyklusbasiertes Training, hormonelle Verhütung und individuelle Betreuung standen im Zentrum seines Vortrags.
Warum Sport werdenden Müttern gut tut und Sicherheit gibt
Im zweiten Vortrag widmete sich PD DDr. Jan Niederdöckl, MBA (MedUni Wien) dem Thema Sport in der Schwangerschaft – einem Bereich, der noch immer von Unsicherheiten und Mythen geprägt ist. Mit klaren Empfehlungen zeigte er auf, wie körperliche Aktivität während der Schwangerschaft nicht nur möglich, sondern gesundheitsfördernd sein kann, für Mutter und Kind. Dieser gesundheitsfördernde Aspekt könne auch als therapeutisches Instrument bei schwangerschaftsassoziierten Erkrankungen eingesetzt werden. Für das sportbegeisterte Publikum ein besonders Highlight: „die besonderen Anforderungen und das spezifische Wissen für die Betreuung schwangerer Athletinnen, die passgenau nicht nur auf größtmögliche Leistungsfähigkeit, sondern auch auf die Sicherheit und Gesundheit von Mutter und Kind geschneidert werden muss", berichtete PD DDr. Jan Niederdöckl im Nachgang.
Von Vorsorgeuntersuchungen bis RED-S: Expert*innen und Sportler*innen im Austausch
Bei der Podiumsdiskussion, moderiert von Univ.-Prof. Jürgen Scharhag, Ärztlicher Leiter des ÖISM, wurden gemeinsam mit Steffi Enzinger und Lara Tiefenthaler verschiedene Problemfelder im Frauensport offen angesprochen – von sportmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen über Verletzungsrisiken, zyklusbasiertem Training bis hin zu RED-S (Relative Energy Deficiency in Sport). Die Diskussion machte deutlich: Fortschritt im Frauensport braucht nicht nur Wissen, sondern auch Sensibilität und den Mut, Probleme anzusprechen um bestehende Systeme zu verbessern.
Wissen, das bewegt: Frauenspezifische Sportmedizin als zentrales Zukunftsfeld
„Das 7. „Forum Sport & Medizin“ bestätigte einmal mehr den Anspruch unserer Veranstaltungsreihe, aktuelles sportmedizinisches Wissen kompakt, wissenschaftlich fundiert und zugleich verständlich zu vermitteln, und dabei den Dialog zwischen Forschung, medizinischer Praxis und Sport aktiv zu fördern. Der große Zuspruch unterstreicht, dass frauenspezifische Sportmedizin kein Nischenthema mehr ist, sondern ein zentrales Zukunftsfeld für Sport, Medizin und Gesellschaft“, betont Prof. Scharhag.
Sponsoren: Das 7. „Forum Sport & Medizin“ wurde freundlicherweise von folgenden Unternehmen unterstützt

Süss Medizintechnik: Catering für 1.801 Euro, Vitamin Well: 300 Getränke
Fragen & Antworten: Kurz-Interviews im Nachgang des 7. „Forums Sport & Medizin“
Fünf Perspektiven, ein gemeinsames Ziel: Frauen im Sport stärken
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Johannes Ott, MedUni Wien, Universitätsklinik für Frauenheilkunde: „Beim zyklusbasierten Training wird das Training an die verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus angepasst. In der ersten Zyklushälfte, der sogenannten Follikelphase, ist der Körper oft leistungsfähiger, regeneriert schneller und verträgt intensives Training besser. Studien deuten darauf hin, dass in dieser Phase Krafttraining und Muskelaufbau besonders effektiv sein können. In der zweiten Zyklushälfte fühlen sich viele Frauen schneller erschöpft, weshalb dort ein etwas reduziertes oder angepasstes Training sinnvoll sein kann.“
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Ott: „Die aktuelle Studienlage zeigt keinen deutlichen Nachteil hormoneller Verhütungsmittel auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Allerdings ist die Datenlage noch begrenzt, und einzelne Sportlerinnen berichten über persönliche Leistungs- oder Befindlichkeitsveränderungen. Hormonelle Verhütung kann die natürlichen Hormonschwankungen beeinflussen, was sich bei manchen Frauen auf Regeneration oder Trainingsgefühl auswirken kann. Welche Verhütungsmethode geeignet ist, sollte daher individuell und in Absprache mit medizinischem Fachpersonal entschieden werden.“
PD DDr. Jan Niederdöckl, MBA, Facharzt für Innere Medizin, Arzt für Allgemeinmedizin, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien, Teamarzt SK Rapid und ÖFB U19: „Frauen mit unkomplizierter Schwangerschaft können und sollen regelmäßig körperlich aktiv sein, idealerweise mit 150 Minuten moderater Aktivität pro Woche. Die Empfehlung – als Faustregel – ist, die Intensität so zu wählen, dass man während der Aktivität noch sprechen kann, aber nicht singen könnte. Von Aktivitäten mit hohem Sturz- oder Verletzungsrisiko (z. B. Kontaktsportarten, Tauchen etc.) wird abgeraten. Als weniger intuitive Besonderheit: Auch – vor allem längeres – Liegen auf dem Rücken nach der 20. Schwangerschaftswoche sollte vermieden werden, da dies den venösen Rückfluss beeinträchtigen kann. Außerdem ist aufmerksam auf Warnzeichen wie vaginale Blutungen, starke Bauchschmerzen, Schwindel, Atemnot, Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Muskelschwäche oder Balance-gefährdende Kraftminderung zu achten und gegebenenfalls zu reagieren. Darüber hinaus sind ausreichende Flüssigkeits- wie Nahrungszufuhr, lockere Kleidung und Training in einer thermoneutralen Umgebung wichtig. So werden Überhitzung, Dehydration, Unterzuckerung und Mangelernährung vermieden.“
PD DDr. Niederdöckl: „Während der Schwangerschaft nimmt sie meist ab, da Gewichtszunahme, veränderte Körperhaltung und Anpassungen des Herz-Kreislauf- und Atmungssystems die Belastbarkeit bezüglich muskulär umzusetzender Aufgaben reduzieren. Besonders die maximale Ausdauer und Muskelkraft sind eingeschränkt. Viele Frauen berichten dann über eine geringere Belastbarkeit beim Sport, aber auch im Alltag. Die gute Nachricht: Nach der Geburt erholt sich die körperliche Leistungsfähigkeit unmittelbar, wenn auch schrittweise. In den ersten Wochen ist die Belastbarkeit zwar noch deutlich reduziert, die Fitness nimmt aber rasch zu und erreicht bei gesunden Frauen meist innerhalb von 6 bis 12 Monaten wieder das Niveau vor der Schwangerschaft. Allerdings nur sofern regelmäßig trainiert wird und keine Komplikationen auftreten.“
Steffi Enzinger, frühere Fußballspielerin, Stürmerin bis 2023 im ÖFB-Nationalteam und für den SKN St. Pölten, Österreichische Sportlerin des Jahres 2017: „Im Jahr 2021 wurde festgehalten (Cowley et al., 2021), dass nur 6 % der sport- und bewegungswissenschaftlichen Forschung sich ausschließlich auf Frauen konzentrieren. Das Wichtigste wäre aus meiner Sicht, dass in genau diese Studien investiert wird, um Know-How zu sammeln und sich dann damit auseinander zu setzen, wie man dieses Know-How in adäquate Programme bzw. Trainingskonzepte ummünzen kann. Der Zugang dazu, eine gute medizinische Betreuung und die Sensibilität, auf sich und seinen Körper ohne Druck Rücksicht nehmen zu können, wären aus meiner Sicht zentrale Punkte, um als Frau bestmöglich seinen Lieblingssport ausüben zu können.“
Steffi Enzinger: „Für Frauen im Leistungssport sind insbesondere Belastungssteuerung, Regeneration, hormonelle Faktoren und der Menstruationszyklus relevant. Außerdem spielen spezifische Verletzungsrisiken eine wichtige Rolle. Eine angepasste medizinische Betreuung und entsprechende Trainingskonzepte sind daher zentral für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.“
Lara Tiefenthaler, Nationalteam-Ruderin, Olympiateilnehmerin 2024 und Europameisterin im Leichtgewichts-Einer 2025: „Ja, definitiv. Früher war der Menstruationszyklus im Trainingsalltag kaum ein Thema, weder für mich, noch in meinem Umfeld. Heute weiß ich, wie stark hormonelle Schwankungen Leistung, Regeneration und auch mein Belastungsempfinden beeinflussen. Ich habe gelernt, genauer hinzuhören und Trainingseinheiten bewusster zu steuern. Das bedeutet nicht, dass ich mich einschränke, sondern dass ich gezielter trainiere und Signale des Körpers besser einordnen kann.“
Lara Tiefenthaler: „Ich wünsche mir einen offenen Umgang mit frauenspezifischen Themen im Sport. Aspekte wie Menstruationszyklus, Energieverfügbarkeit oder verletzungsbedingte Risiken sollten ohne Tabus oder Scham angesprochen werden können. Dafür braucht es gut ausgebildete Betreuer*innen, die sensibel, individuell und auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeiten. Besonders im Nachwuchsbereich kann ein solcher Zugang langfristig einen entscheidenden Unterschied machen. Wenn junge Sportlerinnen früh lernen, ihren Körper zu verstehen und mit ihm zu arbeiten, profitieren sie gesundheitlich und sportlich.“
Sportmediziner und Sportkardiologe Univ.-Prof. Jürgen Scharhag, Ärztlicher Leiter des Österreichischen Instituts für Sportmedizin (ÖISM) und Professur für Sport- und Leistungsphysiologie am Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport an der Universität Wien: „Für sportlich aktive Frauen ist im Rahmen einer sportmedizinischen Tauglichkeitsuntersuchung besonders auch die gynäkologische Anamnese wichtig, da hormonelle Faktoren die sportliche Leistungsfähigkeit und der Sport die hormonabhängige Gesundheit beeinflussen können. Beispielsweise kann durch einen sportbedingten Mangel an Östrogen eine frühzeitige Osteoporose auftreten mit einem erhöhten Frakturrisiko in jungen Jahren. Durch die Regelblutung ist bei Frauen auch ein Eisenmangel häufiger als bei Männern, sodass bei Sportlerinnen regelmäßige Kontrollen des Blutbildes und des Eisenstatus zu empfehlen sind. Allerdings sind Blutwertbestimmungen im sportmedizinischen Untersuchungssystem des österreichischen Spitzensports noch nicht etabliert und es wäre notwendig, dass zukünftig die wichtigsten Werte zumindest bei den einmal jährlich stattfindenden Sporttauglichkeitsuntersuchungen bestimmt würden.“
Univ.-Prof. Scharhag: „Kreuzbandrisse treten bei Sportlerinnen etwa 2-8 Mal häufiger auf als bei Männern. Ursachen sind anatomische Unterschiede sowie hormonelle Faktoren, die unter anderem zu laxeren Bändern führen und damit leichter zu Bandrupturen. Reduzieren lässt sich das Risiko durch gezieltes Kraft-, Koordinations- und Techniktraining zur Verbesserung der Muskelkraft und Kniegelenkskontrolle.“
Vielen Dank an unsere Referent*innen, unsere Gäst*innen der Podiumsdiskussion und alle Teilnehmer*innen
Weitere Informationen zu früheren Veranstaltungen haben wir im Veranstaltungsarchiv zusammengestellt.


