Nach erneutem Kollaps von Eriksen: „Sport mit implantiertem Defibrillator bleibt ein Balanceakt mit potenziell tödlichen Konsequenzen“

Ein implantierter Defibrillator (ICD) sei kein Freifahrtschein für Leistungssport, betont Sportmediziner und Sportkardiologe Univ.-Prof. Dr. med. Jürgen Scharhag, Ärztlicher Leiter des Österreichischen Instituts für Sportmedizin (ÖISM), in der neuesten Cardio News (Ausgabe 08-2026), zusammen mit PD Dr. Pascal Bauer. Ein Auslösen eines ICD bei einem aktiven Profifußballer während der Sportausübung sollte nicht nur als technischer Therapieerfolg bewertet werden, sondern ebenso als harter klinischer Endpunkt.

„Sport mit ICD bleibt ein Balanceakt mit potenziell tödlichen Konsequenzen. Diese Realität offen anzusprechen, ist kein Pessimismus, sondern unsere Verantwortung gegenüber den Athleten. Deren höchstes Gut ist nicht der nächste Einsatz, sondern ihre Gesundheit und ihr Leben“, mahnt Prof. Scharhag, der bis Ende 2025 13 Jahre als Teamarzt der U21-Nationalmannschaft des DFB tätig war.

Fünf Jahre nach seinem Herzstillstand bei der Fußball-EM brach der dänische Nationalspieler Christian Eriksen (34) Anfang Juni erneut während eines Fußballspiels vor den Zuschauern und laufenden Kameras auf dem Rasen zusammen. „Sein Kollaps zeigt, wie wichtig es ist, die Debatte um Wettkampfsport mit implantiertem Defibrillator weiterzuführen“, sagt Prof. Scharhag.

Als renommierte Sportkardiologen fordern Scharhag und Bauer in ihrem Artikel eine international einheitliche Umsetzung der Return-to-Play-Kriterien für Profi- und Leistungssportler mit Herzerkrankungen, sodass Berufssportler nicht mehr zu "Touristen" in Länder mit liberaleren Regelungen aufgrund unterschiedlicher nationaler Handhabungen werden.

Interessant zu wissen über Eriksen und Dwamena

  • Aufgrund seines überlebten plötzlichen Herztodes bei der EM 2021 wurde dem Mittelfeldspieler Eriksen ein Defibrillator implantiert, mit dem er allerdings nicht mehr in der italienischen Seria A spielen durfte. Hingegen ist dies nach den Regularien der Verbände in England und in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
  • Anfang Juni 2026 brach er in der 65. Minute des Länderspiels zwischen Dänemark und der Ukraine ohne gegnerische Einwirkung erneut zusammen - nach Eriksens öffentlichen Angaben aufgrund eines Schocks seines ICD, der dadurch eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung beendete.
  • 2023 starb der ghanaische Fußballprofi Raphael Dwamena. Zwei Jahre zuvor hatte der ehemalige Blau-Weiß-Linz-Stürmer mit Prof. Scharhag in der Sendung "Sport und Talk im Hangar 7" über „Herzprobleme und plötzlicher Herztod im Sport“ diskutiert. Der Ghanaer spielte aufgrund einer Herzerkrankung mit Herzrhythmusstörungen seit 2020 mit einem Defibrillator. Weil er jedoch kein Vertrauen mehr in die Technik hatte, ließ er sich gegen das Anraten von Sportkardiologen das lebensrettende Gerät 2022 wieder entfernen und spielte ab 2023 in Albanien. Dort brach er während eines Ligaspiels im November 2023 zusammen und verstarb kurz danach im Krankenhaus.

Vergleich mit einem Airbag: Der Defibrillator „kann im Ernstfall schützen, aber er verhindert keinen Unfall“

Dank wissenschaftlicher Beobachtungsdaten, gründlicher medizinischer Untersuchungen und gemeinsamer Entscheidungsfindung (sog. Shared-Decision-Making) ist es mittlerweile zwar möglich, trotz implantiertem Defibrillator wieder Leistungssport zu betreiben. „Aber wir dürfen hierbei nie vergessen: Ein Defibrillator wird nicht zum Zwecke der Sporttauglichkeit implantiert, sondern weil die Herzerkrankung so schwer ist, dass unerwartet ein plötzlicher Herztod droht. Solche Leistungssportler sind immer zugleich auch Herzpatienten“, betont Prof. Scharhag.

In Interviews und Vorträgen vergleicht er den Defibrillator gern mit einem Airbag: „Er kann im Ernstfall schützen, aber trotzdem kann man weiterhin bei einem Unfall sterben“ Übertragen auf den Profisport heißt das: Ein implantierter Defibrillator senkt zwar das Risiko einen plötzlichen Herztod zu erleiden, aber er eliminiert es nicht. „Selbst wenn Belastungstests und Untersuchungen unauffällig sind, bedeutet dies nicht, dass unter besonderen Bedingungen – zum Beispiel bei großer Hitze sowie intensiver körperlicher Belastung – nicht doch gefährliche Rhythmusstörungen auftreten können.“

Pro-und-Contra-Papier zur Leistungssporttauglichkeit nach der Implantation eines Defibrillators

Bereits vor zehn Jahren warnten der Mediziner und Kollegen in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin in einem wissenschaftlichen Pro-und-Contra-Artikel zur Leistungssporttauglichkeit nach Implantation eines Defibrillators vor zu einfachen Antworten. Den Link finden Sie nachfolgend in den Klicktipps.

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